Drogen, die lieben Drogen (Teil 1+2)

Es ist gerade die Zeit, in der manche von uns mit einem Live-Stream aus Clubs, Sets bei Soundcloud und 2-3 Flaschen Sekt, Gefühle „hochholen“ wollen, die sie noch vor ein paar Wochen erleben durften: lustvolles Erleben, alleine, mit anderen, an Orten, die jetzt geschlossen sind. Freizeit heißt bei vielen: Feiern und dabei Drogen nehmen. Ich maße mir nicht an, darüber zu urteilen. Ehrlicherweise vermisse ich es. Sich zuhause ohne Anlass zuzulöten ist „problematisch“, beim Feiern ist es cool und okay. Es ist akzeptiert(er) und folgt damit seinen eigenen Regeln. Wer schon mal mit acht Leuten in der Toilette eines Clubs stand, weiß wie labil und doch schön das Zugehörigkeitsgefühl dabei ist. 

Als ich angefangen habe, in Clubs zu gehen und dabei Drogen zu nehmen, habe ich immer gesagt: Es können maximal fünf gute Dinge passieren. Und wenn das erreicht ist, dann suche ich nicht mehr, dann bin ich ready to go home. Egal ob das um 5 Uhr morgens (früh) oder 16 Uhr am übernächsten Tag (spät) war. Deshalb habe ich mich für eine Retrospektive von fünf Abenden entschieden, die traurig-lustig-ernst sind und die ich ganz einfach „hochholen“ kann. Einfach in dem ich davon erzähle, mich erinnere. 

Teil 1: Ein Viertel reicht

Skippen wir erst einmal die ernsten Begegnungen mit Drogen und schieben eine wahrhaftig naiv-losgelöste Teile-nehmen-Expedition ein. Es war im Jahre 2019, ja, also wirklich erst gefühlt gestern, als ich bei einem Event in Berlin war, um Kollegen und Kolleginnen eines Online-Magazins kennenzulernen. Das war alles ganz nett und es gab Sekt und es spielten bei dem Event auch ein paar Leipziger*innen, also – alles quite nice. Ich hatte mich ab und zu alleine etwas aufgeputscht, aber nicht viel. Um 5-6 Uhr hatte ich eigentlich alles gesehen, gehört und war „ready to go home“, ab zu meiner Schlafgelegenheit. Uber, ciao, ja, war schön, gerne wieder! Tut-tut, es war Winter und damit morgens noch schön dunkel. Raus aus dem warmen Uber, vom Gehsteig ins Treppenhaus, erster Stock, Tür auf: Hallo!

Mein Gastgeber war in einem seidenen Bademantel am Auflegen und schon ziemlich angetrunken. Es war einfach das passendste Bild, das er hätte abgeben können. Wir tratschten, tranken Sekt und um 10 Uhr früh kamen wir auf die Idee, XTC (90er Schreibung, muss sein) zu nehmen. Ich hatte noch nienieniemals ein Teil genommen, aber in dem Modus und Moment hatte ich einfach keine Angst. Ok, let’s do this, ein Viertel reicht erstmal.

Und was soll ich sagen. Wir machten uns ein Le Cercle Set von – und JETZT kommt’s – the one and only fckn Stefan Bodzin an. Ja, und wisst ihr was, es war das absolut königlich-geilste, was ich je gehört habe, Bodzin auf einem Berg in, I don’t know, Italien? Egal. Das Ganze sah auf der Riesenglotze aus wie Sims, vollkommen surreal. It. Was. Awesome. Und ich bereue nichts, Stefan! Danke, für deine Musik! Ein unfassbar guter Rausch. Bodzin hat deshalb immer einen Platz in meinem Herzen sicher. Isso. Und immer, wenn ich mir dieses Cercle-Video gebe, muss ich einfach lachen. Weil das damals alles so richtig perfekt war und ich mich sehr frei und ich glaube auch sehr sexy gefühlt habe. 

So schön wie damals war der Rausch danach ehrlich gesagt nie mehr.

Teil 2: Koks als Trost

Ich war gerade aus meiner ersten langen Beziehung herausgeschlittert und hatte schmerzhaften Liebeskummer. Seit… Monaten. Vielleicht, drei, vier, fünf Monate? Ich weiß es nicht mehr ganz genau. Ewig. Ich hatte Hörkunststücke für die Uni produziert, in der Hoffnung, er würde sie hören; meinen ersten Text auf einem Pornoblog veröffentlicht, damals noch ganz brav, über eben diesen, meinen Liebeskummer – mich emotional völlig ausgezogen und gefleht: Bitte, bitte, komm zurück zu mir. Danach kam die Lethargie und Mutlosigkeit, der anfängliche Aktionismus hielt nicht ewig. Die Tage waren schwerfällig. Mir wurde zu viel abverlangt: Normalität. Jetzt sei es doch mal gut. Nein, war es nicht. Nichts war gut. 

„Du brauchst Ablenkung, häng dem nicht mehr hinterher, es reicht“, war die Ansage meiner Freundin. Zieh dich mal wieder an, geh in die Uni und lass uns am Wochenende feiern gehen. Die Wunderwaffe: Normalität vorspielen. 

Ich zog mich also an, ging wieder in die Uni und abends in einen Club. Im Rückblick: Wir waren zugespeedet bis Oberkante. Da ist kein Schritt, an den ich mich erinnern kann – „nur S-Bahn fahren“. Mir ging es wieder richtig, richtig gut. Meinem Freund, nein, Ex-Freund, hätte das nicht gefallen. Tja. Trennung, neues Ich! Ich war geheilt, ganz klar. Endlich.

Auf einer Party trafen wir Peter, den Kokser. Kauften uns als erstes ein Gramm bei ihm, denn, das sollte ein besonderer Abend werden – zurück in die Welt mit mir! Keinen Gedanken und keinen Herzstich mehr an meinen Ex-Freund verschwenden. Es bestand hier, im Club, auf dieser Party, doch die Möglichkeit, in einer Nacht, zwei, drei oder vier neue Freund*innen zu finden. E-a-s-y. 

Tanzen, Koksen, Tanzen, Koksen, Tanzen… und so weiter. „Alles bestens. Nur mal was trinken, bin gleich wieder da.“An der Bar fiel mir eine Frau auf, die alleine auf einer Couch saß und ihren Kopf auf ihrer Hand stützte. Ihre glatten Haare fielen vor ihr Gesicht. Über ihrer Nase und ihrem Mund bewegten sich ihre Haare beim Ausatmen, nur ganz leicht. Die Nase schien sie zu kitzeln, sie schrubbte mit der anderen Hand, die nicht ihren Kopf hielt, grob über ihr halbes Gesicht, um dann mit dem Handrücken immer wieder an ihrem Nasenrücken hin- und her zu streifen. Sie sah ein klein wenig „abgeschlagen“ aus. „Wie geht’s dir?“, frage ich. „Scheisse, und dir?“ und ohne das Koks in meinem Blut zu fragen, sage ich: „Mir auch.“ 

Einmal ausgesprochen, war alles, was vorher warm war, kalt. Alles, was hell war, war dunkel. Alles, was vorher gut war, war schlecht. Innerhalb von einer Sekunde verschwand jedes Gefühl in mir. 

„Ich muss sofort nach Hause. Sofort. Bitte, ich will nach Hause“, ich weiß gar nicht, zu wem ich da gesprochen habe. Aber so eine unfassbare Traurigkeit innerhalb einer Sekunde ist nicht auszuhalten. Es war eine scheiß Idee, rauszugehen. 

Es war eine scheiß Idee, zu koksen, das weiß ich aber auch erst heute. Mir ging es schlimmer denn je und alles, restlos alles, war scheiße. Die Party, die Leute – ich. Wenn Kokain dieses „Schlimm-sein“ nicht wegballern konnte, dann war es doch wohl aussichtslos, je wieder okay zu werden, oder? Dieser Abend ist mir als einer der schlimmsten Abende jemals in Erinnerung. Es hat sich eingebrannt, diese Schlagkraft, die mich völligst weggefegt hat. 

Set und Setting, das sagt dir jede und jeder: darauf kommt es an, auf dich. Auf mich kommt es also an. „Das ist wie von Wodka Redbull kotzen. Passiert dir wenn’s gut läuft einmal und dann nie wieder“, sagt mir meine Freundin beim Gehen. 

Ich habe es dann irgendwie anders gelöst: Kein Kokain mehr. Zumindest nicht bei Liebeskummer.

Na, angefixt? To be continued, I promise. 

Foto von Lisa Schumann.