Friss mich nicht

TW: Bulimie. 

Dieses Gefühl, nicht den Freund*innen vorgestellt zu werden, weil sich ein Typ für dich schämt, ist… eigentlich unerträglich. Aber man macht sich klein, bequem, läuft aufgeregt den hingeworfenen Krümeln hinterher. Vielmehr ich. Ich habe mich klein gemacht. Dieses Gefühl in mir aufgesogen, darüber geweint. Heisse Tränen, die kalt herablaufen.

Dieses Schämen, das Nicht-vogestellt-werden, das kam natürlich deswegen, weil ich zu dick war. Ich war rund, chubby, dick. Als Kind war ich die Dickste in der Klasse, es war eben so.

Ob es nun das Dicksein war oder ob das nur die einfachste Antwort auf alle meine Fragen war, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Für mich war es die passende Wahrheit, manchmal ist es das heute noch.

Nicht mal ich 

Ich habe mit 15 aufgehört zu essen, vielmehr es versucht, aber nicht durchhalten können. Dann kam eine einfache, rauschhaft-schöne Lösung in mein Leben: Kotzen.

Die Anfangszeit war so wunderschön, wow, wenn ich daran denke, kribbelt es. So schön wie ein Tropfen klares Wasser auf einer rosanen Blüte, the highest high, es lief einfach für mich. Bebe-Young-Care-Schön. Endlich enge Shirts, kurze Hosen, sexy sein.

Gut im Abi, Liebeskummer, Kaufsucht, unwichtige Stationen. Ich konnte endlich (heimlich) ALLES essen, aber ohne Angst. Das war der Schmerz mir einfach wert. Der war ja nur ab und zu da, ich war safe.

Ich konnte Typen haben, hab mich vögeln lassen; dabei habe ich immer den BH angelassen, mich nackt dann doch noch zu dick gefühlt, aber angezogen und auf Fotos fand ich mich schön. Endlich. Niemand muss sich für mich schämen. Nicht mal ich.

Die Waage lügt nicht

Nach ein paar Jahren drehten sich die Gefühle, denn manchmal klappte es nicht. Es klappte einfach nicht. Das war das Schlimmste. Es wurde zum Poker, es wurde Stress, es lief nicht mehr.

Es klappte immer öfter nicht. Die Waage lügt nicht. Mir tat die Speiseröhre weh, ich bekam Angst um meine Zähne. Das Alles schwang sich auf, so häßlich wie eiternde Pilze unter der Haut zu werden. Das würde ich nicht zulassen. Es konnte wieder so werden, wie am Anfang, ganz sicher. Ganz, ganz sicher. Ich musste es nur besser machen, besser timen, mehr trinken.

Die Fähigkeit zu Kotzen war mir wichtiger als etwas zu Fühlen. Ich hätte ziemlich viel dafür gegeben. Nicht alles, aber einiges. Nein – ich habe viel dafür gegeben. Nicht alles. Aber einiges. 

Nie mehr, nur noch

Es wurde nie mehr wie am Anfang. Es wurde zum Problem, nach fünf Jahren. Nein, es war seit dem ersten Tag ein Problem. Ein Riesenproblem. Nach fünf Jahren hat es sich nach einem Problem angefühlt. Sich breit gemacht. Wie ein dunkelgrüner Schimmelfleck, der dichter und dichter wird, zu krabbeln beginnt und dessen Sporen die Nase kitzeln. Näher kommt, einschränkt. Dich verzweifeln lässt.

Bulimie ist kein Rausch, es ist eine Sucht. Eine Krankheit, die frisst; dich.

Friss mich nicht. Nie mehr. Bleib weg.


Foto von Paula Charlotte Kittelmann.