Hamburger U-Bahn-Muster

TW: Abuse

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Ich habe mir gestern Musik angemacht, die ich lange nicht gehört habe: Marina and the Diamonds.

Warum habe ich das eigentlich so lange nicht gehört? Super Stimme, super Album. Ich weiß noch, dass ich die Band eine Zeit lang sehr oft gehört habe. Warum habe ich die Band vergessen… Die üblichen Bilder, wie man selbst im Musikvideo mitspielt, setzen sich in meinen Kopf. We all know this kind of imagination, die ziemlich viel Spaß macht. 

“Baby I’m gonna leave you drowning until you reach for my hand.” 

In meinem persönlichen Video kommt aber immer wieder ein bestimmtes Muster dazwischen. Wie ein Schnittfehler, im Musikvideo. Ich kam erst nicht drauf. Gelb, schwarz, verwaschen, grob, verwoben. Woran erinnert mich das nur? 

Ja, warum eigentlich nicht?

Mit Anfang 20 habe ich öfter als Hostess gearbeitet, zum Beispiel in Hamburg. Das war eine richtig gute Zeit für mich: Konzerte, neue Leute, Geld verdienen. Es waren immer neue Zweierteams, viele Städte: Berlin, Hamburg, Leipzig, Dresden. In Hamburg war ich nur für eine Show gebucht, also hin und wieder zurück, kein Ding.

Mein Kollege war cute, die Schicht ging schnell rum. Wir hatten ein bisschen miteinander geflirtet, alles cool, nein: besser als sonst. Einen Shot zum Abschluss trinken? Ja, okay, warum eigentlich nicht. Ist doch voll schön, das alles. 

„Komm mit…“

Ja, es war bis hierhin sicher ganz schön, das alles. Ein Shot, all right, huch? Schon so spät? Dann also doch mit zu ihm, er hat es ja angeboten. „Willst du was trinken? Ich hab noch was da…“

Er streichelt mein Gesicht, flüstert mir zu, hm, wie? Zieht mir meinen Rock hoch, nein, ich bin richtig krass besoffen, ich krieg das nicht mehr hin, „haha“…

Bitte nicht.

Heute weiß ich: Mein „cuter“ Kollege hat mich im Laufe des Abends komplett dicht gemacht. Ein Getränk nach dem anderen, das ich nicht bezahlen musste, noch eins, noch eins, noch eins. Ich sei sein Kätzchen und solle doch einfach mitkommen. Mein Zug war längst weg, ich wusste auch gar nicht wirklich, wo ich hätte hingehen sollen, außer mit zu ihm. I am your cat, I am your slut. Am I?

„In the night your heart is full and by the morning empty.“

Wir sind wohl mit der U-Bahn zu ihm gefahren. Wie viel Uhr es war, habe ich mich vielleicht gefragt, aber ich war nicht mehr in der Verfassung, es herauszufinden. Dann hatten wir Sex, bei ihm Zuhause. Nicht fähig, nein zu sagen, nicht fähig ja zu sagen – einfach nur „dabei“ gewesen sein.

Verwaschene Muster

Als er fertig war, habe ich noch eine Zigarette in seiner Küche geraucht. Bin zurück zur U-Bahn, habe das Muster der Sitze angestarrt: Gelb, schwarz, verwaschen, grob, verwoben. Habe Musik gehört, Marina and the Diamonds, und das alles vergessen. Mir tat der Hals weh. Kann und konnte mich kein Stück erinnern. Viele Stunden später, vielleicht auch einen ganzen Tag – da kam noch eine SMS, ob ich die Pille nehme. 

„And I don’t know why but I can’t forget it, forget it…“

Ich glaube, ich habe sogar zurückgeschrieben und wahrheitsgetreu geantwortet. Ich kann und will mich nicht daran erinnern. Sehe nur das Muster vor mir. Ich werde mich nicht erinnern. Bitte nicht. Ich mache die Musik wieder aus: Marina and the Diamonds.

Jetzt weiß ich wieder, warum ich die Musik nicht mehr hören will. Nie wieder.

PS

Warum ich das aufschreibe? Weil es mir dann immer ein kleines Stückchen besser geht. Auch das ist Schreiben für mich: festhalten, loslassen, dokumentieren. Bündeln, wegschieben, ordnen. Und weil Till Lindemanns Gedicht… ach, egal. Aber deshalb gehört auch dieser Text hierher.