Pause.

„Ich habe mir dabei einen Ausdruck angewöhnt, der intim und gleichzeitig unnahbar ist. Die Menschen verschwanden, die Geschichten blieben.“

Ich habe jetzt drei Mal angefangen, aller guten Dinge sind eben doch nicht drei, sondern unendlich. Ich habe vor mittlerweile sechs Jahren begonnen unter dem Pseudonym Antoinette Blume meine Geschichten aufzuschreiben. Und ja, das waren meine Geschichten, collagiert, verfremdet, uneindeutig, in Teilen fiktional — denn ich wollte gute Geschichten, keine Reportagen, keine Dokumentationen.

Eine gute Geschichte ist eine, an der ich lange arbeite, mit der ich Authentizität schaffen kann, die eine Ich-Erzählerin vulnerabel zeigt, immer geschützt von einem Pseudonym, das ich schon längst hätte ändern oder ablegen sollen, aus anderen Gründen. 

In der Vergangenheit habe ich Erfahrungen benutzt — meine Erfahrungen, gemeinsame Erfahrungen. Gefragt, ob ich eine Begegnung beschreiben darf, habe ich ab und zu, aber nicht immer. Fast nie gefragt habe ich, wie sich das wohl anfühlt, das zu lesen, in einem Magazin oder online oder hier. Das kann ich derzeit vor mir schlechter als richtig bezeichnen, als noch vor ein paar Tagen.

Man kann mit Kunst oder Literatur keine persönliche Auseinandersetzung im Dialog, keinen echten, realen Konflikt und keine Therapie ersetzen. Das habe ich die letzten Jahre teilweise versucht, bewusst, unabsichtlich, verschwommen. Ich habe verzerrt, ich habe beschönigt, glorifiziert, vermischt, ich habe in Schutz genommen, verändert, vereinfacht. Ich habe fiktionale Geschichten aus Geschichten gemacht. Und habe mich ins Zentrum gestellt, immer, ohne schlechtes Gewissen. Ich habe diese Geschichten aus der Realität herausgeholt, destilliert, gemischt und gestreckt, aus Situationen mit Menschen heraus, die mich oft lange beschäftigt haben.

Ich habe mir dabei einen Ausdruck angewöhnt, der intim und gleichzeitig unnahbar ist. Die Menschen verschwanden, die Geschichten blieben. 

Ich muss und will nicht an den alten Texten, der alten Schreibe festhalten. Es hat sich längst überholt, mit der Zeit. Ich wollte nie verletzen, mich nicht rächen, ich wollte etwas Wertvolles, etwas Schöne(re)s, etwas Tragische(re)s, Eindeutige(re)s erschaffen. Das ist nicht immer gelungen, manchmal ja, in letzter Zeit nicht oft genug. 

Ich bin müde, diese Geschichten zu verteidigen, kognitive Dissonanz zu vermeiden, zu gefallen, vice versa. Das ist eine Sackgasse. Ich reflektiere und sortiere neu. Resonanz, immer wieder ist es Resonanz, die nicht immer nur positiv ist, und das ist gut. Um zu lernen und zu verstehen.

Ich mache eine Pause.

Foto von Jamal Cazaré